Was Psoriasis-Patienten zum Coronavirus wissen sollten

  • Bislang kann man sagen: Wer Schuppenflechte oder Psoriasis arthritis hat, ist nicht grundsätzlich anfälliger für eine Infektion mit dem Coronavirus.
  • Wer wegen der Krankheit ein innerliches Medikament nimmt, gehört einer Risikogruppe an. Das heißt: Wenn jemand dann an Covid-19 erkrankt, kann das schwer verlaufen. Deshalb ist der eigene Schutz und der aller Leute ringsherum so wichtig.

Dieser Meinung sind auch die Experten vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen. „Fakt ist: Grundsätzlich ist das Risiko einer Infektion mit dem Virus nicht höher als das Ansteckungsrisiko für andere Keime, zum Beispiel der Influenza, denn wir haben derzeit ohnehin Grippewelle“, erklärt Dr. Ralph von Kiedrowski. „Insofern gelten für Psoriasis-Patienten, die ansonsten gesund sind, die gleichen Vorsichtsmaßregeln wie für alle: Händehygiene, Abstand halten von Erkrankten sowie die Beachtung der Husten- und Nies-Etikette.“ Letztere besagen: Es wird in den Ellbogen geniest, und Einmaltaschentücher haben ihren Namen nicht umsonst – sie sind nach dem Gebrauch zu entsorgen.

Professor Christian Drosten, der derzeit wohl bekannteste Virologe Deutschlands, rät inzwischen dazu, „Behandlungen bald vor allem auf Senioren und Menschen mit Grunderkrankungen (zu) beschränken“ – also auch auf Menschen mit Psoriasis oder Psoriasis arthritis. In seinem täglichen Podcast auf NDR Info sagte er in der Folge vom 9. März 2020:

Dann haben wir zusätzlich noch in allen Bevölkerungsgruppen wahrscheinlich ein höheres Risiko bei Grunderkrankungen. Das können Patienten mit Immunsuppression sein, mit Tumorerkrankungen. Es können aber auch Patienten mit metabolischen Grunderkrankungen sein, also Diabetiker, Personen, die einfach einen hohen Körperfett-Index haben. Und Personen, die auch aus anderen Gründen an Herz und Lunge vorgeschädigt sind.

https://www.ndr.de/nachrichten/info/9-Wir-muessen-die-aelteren-Menschen-schuetzen,audio650168.html

Für die „jüngeren, besonders Gefährdeten“ fordert er eine Regelung, „die es allen Arbeitgebern ermöglicht, solche Personen entweder für eine Zeit freizustellen und dann mit Aufgaben zu betrauen, die unter der Überschrift Homeoffice stehen“. 

Das heißt: Wer eine immunsuppressive Therapie bekommt, sollte seinen Arbeitgeber fragen, ob er im Homeoffice arbeiten kann.

 
Therapie-Pause bei Coronavirus-Symptomen 

Bei Symptomen einer Coronavirus-Infektion sollte der Betroffene abklären lassen, ob sein Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion begründet ist. Dabei hilft die Telefon-Hotline 116117 weiter oder ein Anruf beim behandelnden Arzt. Bis der Verdacht bestätigt oder eben nicht bestätigt ist, sollte bei einer innerlichen Psoriasis-Therapie – egal welcher – eine Pause eingelegt werden.

Das ist auch die internationale Sicht: Das International Psoriasis Council, ein Netzwerk von mehr als 100 Psoriasis-Experten, empfiehlt, die Einnahme von immunsuppressiven Medikamenten einzustellen oder zu verschieben, wenn die Krankheit COVID-19 diagnostiziert wurde.

 
Symptome von Covid-19 

Die Erkrankung Covid-19 zeigt sich mit

  • Schnupfen
  • erhöhter Temperatur oder Fieber
  • Halsschmerzen
  • Kopfschmerzen
  • Kurzatmigkeit
  • Muskel- oder Gelenkschmerzen
  • Schluckbeschwerden oder
  • Durchfall

 
Vorsorglich die Therapie unterbrechen? 

Ob eine innerliche Therapie der Schuppenflechte oder Psoriasis arthritis prophylaktisch abgesetzt werden sollte, kann niemand pauschal beantworten. Da hilft nur ein Gespräch mit dem Arzt, der das Medikament verordnet hat. „Bei den jährlichen Grippewellen der letzten Jahre haben wir bislang nicht dazu geraten“, so Dr. von Kiedrowski. Aber: Wer auch bisher schon während der Therapie öfter Infekte bekommen hat oder zu alledem noch eine Lungenerkrankung hat, sollte laut dem Hautärzte-Verband mit seinem Arzt eher über eine vorsorgliche Pause nachdenken als andere.

Genannt werden speziell die Medikamente, die gegen TNF-Alpha arbeiten. Sie „weisen in Studien und Registern ein höheres Infektionsrisiko auf als die Substanzen zur Inhibition von IL17, IL23 oder PDE4“, so der BVDD.

Das heißt: Das Infektionsrisiko ist etwas höher bei

  • Cimzia
  • Enbrel (und seinen Biosimilars Benepali und Erelzi)
  • Humira (und seinen Biosimilars Amgevita, Cyltezo, Imraldi und Solymbic)
  • MTX
  • Remicade (und seinen Biosimilars Flixabi, Inflectra und Remsima)
  • Simponi

 

Bei folgenden Medikamenten ist das Infektionsrisiko nicht so hoch:

Bei IL-12/-23-Blockern wie Stelara und bei MTX kann es nach Erfahrung der Mediziner passieren, dass Infektionen verzögert bemerkt werden. Und: MTX kann in seltenen Fällen (seltenen!) die Lunge schädigen – genau das Organ, auf das es auch das Coronavirus abgesehen hat.

In einem Schreiben vom 18. März 2020 an alle Arztpraxen und Kliniken sortierten Deutschlands führende Psoriasis-Experten diese Liste etwas anders: Nach den Erkenntnissen des Gremiums gibt es auch bei MTX und zusätzlich bei Fumaderm und Skilarence kein erhöhtes Risiko für oder bei für oder bei Viruserkrankungen.

In dem Schreiben wird auch auf Ciclosporin eingegangen. Dort sei die Datenlage uneinheitlich. Bei anderen Virus-Endemien hatten demnach selbst Transplantations-Patienten, die für gewöhnlich eine höhere Dosis Ciclosporin nehmen, keine deutlich erhöhten Risiken für Komplikationen. Nur: Solche Patienten sind vermutlich besonders vor allen schädlichen Einflüssen geschützt. Die Haut-Experten raten jedenfalls zur Vorsicht bei Patienten über 60 sowie die mit zusätzlichen Erkrankungen wie Diabetes oder COPD. Auch diejenigen, die auch vorher schon während der Therapie mit Ciclosporin zu Infekten neigen, sollen besonders aufpassen.

„Wir raten grundsätzlich zur Beibehaltung der vorgenannten Medikamente bei allen Patienten mit Psoriasis, die eine entsprechende Indikation aufweisen“ schreiben die Experten. Auch Neueinstellungen auf innerliche Medikamente seien möglich. Aber: „Bei den TNF-alpha-Blockern und bei Ciclosporin sind individuelle Risikofaktoren für Infektionen besonders zu beachten und die klinischen Verläufe sorgfältig zu verfolgen“. Hingewiesen wird explizit darauf, dass bei der Behandlung mit TNF-alpha-Blockern eine Fieberreaktion ausbleiben könnte, die sonst unter anderem eine Infektion mit dem Coronavirus anzeigt.

 

Wenn eine innerliche Therapie neu begonnen werden soll 

Experten auf europäischer Ebene raten dazu, eine neue Therapie mit einem immunsuppressiven Mittel und Biologika erst einmal aufzuschieben. Dabei handelt es sich zwar um einen Rat von Gastroenterologen für Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, doch die dort eingesetzten Medikamente sind denen bei Psoriasis ähnlich. Konkret lautet ihr Tipp:

Wann immer möglich, sollte die Behandlung während der COVID-19-Epidemie auf der Grundlage einer individuellen Risikobewertung aufgeschoben werden.

https://www.ecco-ibd.eu/images/6_Publication/6_8_Surveys/1st_interview_COVID-19%20ECCOTaskforce_published.pdf

Andere Gastroenterologen schließen sich dem an, sie denken aber an die Fälle, in denen die Erkrankung so aktiv ist, dass mit einem Beginn der Therapie nicht gewartet werden kann. Dann, schreiben sie im Journal „The Lancet“, sollte zu den üblichen Tests vor einer Biologika-Therapie auch eine Prüfung auf SARS-CoV-2 dazugehören.

 

Das sagt ein niedergelassener Hautarzt 

„Ich denke, dass es nicht notwendig ist, die Medikation ganz abzusetzen“, meint Dr. Armin Philipp, Hautarzt in Stuttgart. „Aber natürlich sind Patienten, die eine immunsuppressive Therapie anwenden, gefährdeter. Um so wichtiger ist es, die allgemein empfohlenen Hygieneregeln einzuhalten.“

Einen weiteren Rat gibt der Hautärzte-Verband: Wer sich noch keine Grippe- oder Pneumokokken-Impfung geben lassen hat, kann das auch jetzt noch tun.

 

 Das sagen Rheumatologen 

 „Wir wissen, dass Patienten mit aktivem entzündlichen Rheuma generell infektanfälliger sind“, gibt Professor Hendrik Schulze-Koops von der Ludwig-Maximilians-Universität München zu bedenken. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie. Gründe für die Infektanfälligkeit seien die Erkrankung selbst und die Medikamente, die die Immunabwehr unterdrücken.

Neben den üblichen Hygiene-Regeln rät er dazu, den Impfschutz zu überprüfen und, abgestimmt mit dem Rheumatologen, zu vervollständigen. „Besonders Impfungen gegen Atemwegserkrankungen wie Influenza, Pneumokokken und Keuchhusten sind derzeit wichtig“, so Schulze-Koops. Auch Angehörige und enge Kontaktpersonen sollten über die Schutzimpfungen verfügen, die die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt. 

 

Schulze-Koops erklärt:

  • Eine rheumatologische Basistherapie sollte auf keinen Fall ohne ärztlichen Rat abgesetzt werden.
  • Arzttermine zur Routineuntersuchung sollten nach telefonischer Absprache verschoben werden.
  • Wer an Covid-19 erkrankt, sollte auch seinen behandelnden Rheumatologen (telefonisch) um Rat fragen.

Gerade ersterer Punkt ist ihm wichtig. Ganz deutlich rät er davon ab, aus Angst vor Covid-19 eigenmächtig die Rheumamedikation abzusetzen „Hierfür gibt es bislang keinerlei Grundlage“, meint er. Im Gegenteil: Wenn die Unterdrückung des Immunsystems plötzlich wegfällt, könnten die Symptome der rheumatischen Erkrankung wieder aufflammen. Schon das könne das Infektionsrisiko wieder erhöhen. Wird dann noch Kortison eingesetzt, um den Schub einzufangen, tut das für das Infektionsrisiko das Übrige.

 

In einem Expertenchat des Fernsehsenders MDR fragte eine Zuschauerin:

Ich werde mit immunsupprimierenden Spritzen gegen Psoriasis-Arthritis behandelt (Biologikum Ustekinumab alle 12 Wochen). Die nächste Spritze wäre in 10 Tagen dran. Ich bin 68 Jahre alt und außerdem noch Diabetikerin. Die Krankheit ist zur Zeit in Remission. Soll ich die Rheumaspritze jetzt aussetzen oder einige Wochen nach hinten verschieben?

Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apotheker, antwortete:

Nein, Sie sollten die Spritze nicht aussetzen, aber Sie haben ein erhöhtes Risiko. Achten Sie deshalb besonders auf sich und vermeiden Sie alle Kontakte mit Menschen, die infiziert sein könnten.

https://www.mdr.de/nachrichten/ratgeber/gesundheit/chatprotokoll-corona-sprechstunde-bei-hauptsache-gesund-100.html

Das empfiehlt das Robert-Koch-Institut 

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt Risikogruppen – also auch Menschen mit Schuppenflechte oder Psoriasis arthritis, die ein innerliches Medikament nehmen

  • eine größtmögliche Minderung des Risikos einer Infektion zum Beispiel durch allgemeine Verhaltensregeln (Hände waschen, Abstand halten zu Erkrankten)
  • sich über das Krankheitsbild schon mal zu informieren, damit man die Symptome frühzeitig erkennt
  • beim Verdacht schnell Kontakt aufnehmen zur Hausarzt-Praxis oder telefonisch zu anderen Stellen, die Beratung anbieten
  • das nähere Umfeld – privat wie beruflich – bitten, einem Fälle von COVID-19 mitzuteilen, damit man Vorkehrungen treffen kann und unter Umständen eine Diagnose schneller vonstatten geht

Empfehlungen in den USA 

Der Beirat der National Psoriasis Foundation in den USA empfiehlt, den Kontakt zum Hautarzt jetzt über Telemedizin-Angebote zu suchen. Das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, sei für alle, die kein immunsupressives Medikament nehmen und keine Co-Morbidität haben, minimal höher als bei gesunden Menschen. Und: Obgleich es keine wissenschaftlich gesicherten Richtlinien oder Risiko-Einschätzungen gebe, hätten Patienten bei oral eingenommenen Immunsuppresiva (also Tabletten, Kapseln etc.) eventuell (!) ein höheres Risiko. Alles in allem werde ein Abbruch der Biologika-Therapie erst empfohlen, wenn ein Infektion mit dem Coronavirus gesichert sei.

 

 Forscher sehen bei einigen Biologika sogar positive Wirkungen  

„Sollten Patienten ihre Biologika-Therapie während der Covid-19-Pandemie abbrechen?“ fragen sich auch Arjun M. Bashyam und Steven R. Feldman von der Wake Forest School of Medicine in North Carolina (USA). Vielmehr haben sie im „Journal of Dermatological Treatment“ einen Artikel für ihre Kollegen verfasst.

In den Packungsbeilagen stünde zwar, dass Biologika bei klinisch bedeutsamen aktiven Infektionen nicht angebracht seien, doch dort werde nicht empfohlen, die Behandlung wegen potenziellerInfektionsrisiken abzubrechen. 

Später im Text wird es interessant: „Die COVID-19-Lungenentzündung ist durch eine übersteigerte Immunantwort mit hohen TNF-alpha-Spiegeln gekennzeichnet“, erklären Bashyam und Feldman [Quelle]. „Es ist möglich, dass die Hemmung von TNF alpha bei Patienten, die mit SARS-CoV-2 infiziert sind, tatsächlich die Ergebnisse verbessert.“ Das sei während des SARS-Ausbruchs 2003 vermutet worden (Quellen: 1 | 2). Theoretisch sei es also möglich, dass die Modulation dieser Entzündung (also das Eingreifen mit TNF-alpha-Blockern, d. Red.) sogar schützend sein könnte. [Quelle]

 

Bashyam und Feldman werden noch konkreter. Sie schreiben:

  • In einer Studie mit H1N1-Grippemäusen reduzierte Etanercept (Enbrel und seine Bisimilars) die ähnliche übermäßige Entzündungsreaktion, wodurch die Mortalität („Sterblichkeit“) und die Virus-Vermehrung verringert wurden [Quelle].  
  • Derzeit wird Adalimumab (Humira und seine Bismilars) in einer klinischen Studie für die Behandlung einer schweren COVID-19-Lungenentzündungen untersucht. „Ein vielversprechendes Signal, dass TNF-alpha-Inhibitoren für unsere Patienten zumindest nicht schädlich sein dürften, wenn sie infiziert sind“, schlussfolgern die Autoren.
  • Für IL-17-Blocker wird vermutet, dass sie die Wirkstoffe die anormale Immunantwort bei Covid-19 und die Sterblichkeit an Atemnot verbessern könnten. [Quelle] Verwiesen wird auch auf Studien, wonach Patienten während einer Cosentyx-Therapie eine gute Reaktion auf Grippe-Impfstoffe zeigen. Das zeige, dass die Antwort des Immunsystems auf Viren auch bei IL-17-Blockern noch korrekt funktioniere. [Quellen 3 und 4

Quelle: www.psoriasis-netz.de

 

 

 
 
 

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